Die Fragen und Probleme der Islamic Financial Services Industry (IFSI) sind nur in Verbindung mit den Fragen des politischen Islam zu verstehen. Das Online Journal "Islamic Finance" ist dementsprechend aus den Forschungsprojekten des Online Journals zum Islamismus hervorgegangen.


Sonntag, 29. Juli 2007

Das Islamic Banking und seine Bedeutung für die Mikrofinanzierung

Zur Erläuterung soll hier einleitend der Zusammenhang, die Verflechtung sowie die strukturellen Defizite der beiden Themenkomplexe genauer betrachtet werden. Herausgearbeitet werden 9 Kernargumente die in drei Bereichen alphabetisch abgearbeitet werden.


1.) Strukturelle Betrachtung

A.) Die Beteiligungsfinanzierungen, überwiegend für mittel- und langfristige Investitionen in Industrie und Landwirtschaft, die nach den Vorstellungen der Verfechter des Islamic Banking die eigentlich überlegene Alternative zu zinsbasierten Gelddarlehen darstellen, spielen in der Praxis islamischer Banken mit ca. 10-15% aller Transaktionen nur eine geringe Rolle. Kennzeichnend für Islamic Banking sind dagegen (ca. 65-80%) Murabaha–Sachmittelkredite für kurzfristige low-risk Investitionen zur Handelsfinanzierung mit geringen Profitmargen. Diese Präferenzen sind den Instrumenten selbst auch dem wirtschaftlichen Umfeld der Banken geschuldet.

B.) Die Beteiligungsfinanzierungen (Musharaka, Mudaraba) bergen hohe Risiken für MFI-Institutionen und Sparer: Durch die Nicht-Konformität des Einforderns von Sicherheiten nach islamischem Recht tragen Banken überwiegend das finanzielle Risiko mit kaum oder keinen Mitbestimmungsrechten; fehlende Möglichkeiten der ex ante Festlegung flexibler Tilgungsraten als Prozentsatz des erwarteten Gewinns sowie die Offenlegung des Gewinns erfordern komplexe und - im Gegensatz zu zinsbasierten Krediten kontinuierliche Verwaltungsabläufe; außerdem werden Kleinsparer von Mudaraba basierten Konten am Gewinn, aber auch an Verlusten der Bank beteiligt, ohne dass die Substanz der Einlagen rechtlich garantiert ist oder sie in der Lage wären, eine effektive Kontrolle der Verwendung der Gelder auszuüben. Als Instrument eignen sich Beteiligungsfinanzierungen daher eher für mittel- und langfristige KMU (Klein- und Mittelständische Betriebe) und Agrarfinanzierungen und nur eingeschränkt für die Mikrofinanzierung.

C.) Die Sachmittelkredite (Murabaha, Ijara) besitzen ein hohes Potential für armutsorientierte islamische Mikrofinanz, insbesondere zur Förderung von Kleinstunternehmen: Es sind einfach zu verwaltende und zu überwachende Instrumente für low-risk Investitionen, die durch die Rolle der Bank als Zwischenhändler jedoch höhere Transaktions- und Kreditkosten verursachen. Als best practice kann das 1997 mit UNDP-Unterstützung etablierte jemenitische Hodeidah Microfinance Programm dienen, das Murabaha - Kredite für 1.770 Kunden mit einem aktiven Kreditvolumen von 350.000 US$ (2002) bereitstellt. Daneben bietet die, im Koran stipulierte zinslose Geldleihe, für bedürftige Zwecke, Quard al-hasanah - ähnlich dem Prinzip rotierender Sparvereine - ein hohes Potential für islamische Mikrofinanz. Praktisch sind solche Instrumente bisher kaum kommerziell durchgeführt worden.


2.) Analyse auf drei Ebenen (Makro, Meso, Mikro)

D.) Auf der Makroebene existieren Defizite in Bezug auf Lizensierung, Regulierung und Überwachung: Islamische Banken können nicht auf (zinsbasierte) Refinanzierungsmöglichkeiten der Zentralbank als Lender of Last Resort zurückgreifen bzw. es fehlen. Alternativen zur Absicherung von Depositen durch zinstragende Wertpapiere/ Staatsanleihen; ebenso fehlen Alternativen zur Verzinsung der, durch die Zentralbank, eingeforderten Reserven islamischer Banken; nationale (int.) Standards/ Institutionen zur Überwachung der Konformität angebotener Produkte mit den Bestimmungen des islamischen Rechts, besonders zu Aufgaben, Rolle und Abgrenzung der Sharia- Boards der Banken gegenüber der Zentralbank, sowie verbindliche Buchhaltungsstandards fehlen oder sind unzureichend; es gibt eine steuerliche Diskriminierung Islamic Banking konformer gegenüber zinsbasierter Produkte; es besteht die Notwendigkeit, Gesetze bezüglich Zahlungsverzug / Insolvenz von Schuldnern auf Instrumente des Islamic Banking anzupassen etc.

E.) Auf der Mesoebene fehlen oder sind defizitär: Auf Islamic Banking zugeschnittene Aus- und Weiterbildungsinstitutionen, Bankenverbände und Rating–Agenturen; APEX-Institute für Refinanzierung/Liquiditätsausgleich und anreizkompatible Einlagenversicherungs- und Zahlungsverkehrssysteme für Inter-Bank-Transaktionen mit (islamischen) Finanzintermediären; verlässliche Daten und Statistiken.

F.) Auf der Mikroebene fehlen, besonders im ruralen Raum, islamische MFI und gut ausgebildetes Personal mit doppelter Spezialisierung in Mikrofinanz und Islam für die Handhabung, das komplexe Risikomanagement sowie Markt- und Produkterweiterungen:


3.) Fazit und gesellschaftspolitische Betrachtung

Die angebotenen Produkte bleiben auf althergebrachte Verfahren beschränkt und schließen beispielsweise Spar- und Versicherungsprodukte kaum mit ein; die Kundentransparenz der Bankgeschäfte und die Offenlegung der Finanzverwendung ist gering.

G.) Gesellschaftliche Normen und Wertesysteme wie der Islam beinflussen als Rahmenbedingungen das Finanz- und Wirtschaftssystem. In vielen muslimischen Gesellschaften sind westliche (soz./kap.) Wirtschaftsmodelle diskreditiert, während das Wirken islamischer Sozial- und Selbsthilfeeinrichtungen auf der Mikroebene oft positiv erfahren wurde; in einigen islamischen Ländern werden zinssatzorientierte Finanzdienstleistungen von Teilen der Bevölkerung nicht akzeptiert. Mit der zunehmenden Politisierung des Islam wächst das Bewusstsein und die Nachfrage nach islamkonformen Finanzprodukten, wie auch der Wille der Regierungen, das islamische Finanzwesen weiter zu verbreiten. Dennoch bestehen in der überwiegenden Zahl islamischer Länder islamische und nicht-islamische Finanzsysteme nebeneinander. Ein breitenwirksamer Zugang zu armutsorientierten Finanzdienstleistungen in diesen Ländern kann nur erreicht werden, wenn verstärkt konventionelle, darüber hinaus aber auch neue, islam-konforme Formen der Mikrofinanzierung gefördert werden.

H.) Für die EZ (Entwicklungszusammenarbeit) mit islamischen Staaten ist ein Mikrofinanz-Ansatz erforderlich, der dem finanzsystemischen Ansatz in MFI auf der Mikroebene beschränken, sondern sollte auch notwendige Reformprozesse im Finanzsektor auf Makro- und Mesoebene unterstützen. Dabei ist die Heterogenität des Islam in seinen unterschiedlichen Ausprägungen in den einzelnen Ländern bzw. Regionen differenziert mit einzubeziehen.

I.) Ein islamisch orientierter Mikrofinanzansatz stellt dennoch kein „Allheilmittel“ für die vielfältigen Probleme muslimischer Gesellschaften dar. Er sollte behutsam durch die EZ auf seine funktionale Tauglichkeit im Vergleich zum Status quo überprüft und praktisch umgesetzt werden. Eine solche Vorgehensweise würde von islamischen Gesellschaften nicht nur als eine in der eigenen Kultur und Weltanschauung wurzelnde Alternative wahrgenommen werden, sondern die Zusammenarbeit mit nationalen, internationalen oder supranationalen islamischen Finanzinstitutionen kann durchaus auch als ein Beitrag zum interkulturellen Dialog aufgefasst
werden.

Quelle: Hintergrundpapier der GTZ, September 2006.